KI im Alltag von Selbstständigen: Fünf Aufgaben, die du heute abgeben kannst
Von den Unternehmen, die keine KI nutzen, nennen 72 Prozent fehlendes Wissen als Grund. Es ist kein Geldproblem und kein Technikproblem. Es ist ein Startproblem. Fünf Aufgaben, mit denen der Einstieg gelingt, und die Stellen, an denen KI aufhört.
Von Christian Steiger, 12. August 2026.
Du bist selbstständig. Das heißt, du kümmerst dich um deine Kunden, suchst neue Aufträge, schreibst Angebote, beantwortest E-Mails, stellst Rechnungen, sortierst Belege und entscheidest. Und wenn es gut läuft, machst du danach noch deine eigentliche Arbeit. Also den Teil, für den du dich selbstständig gemacht hast.
Genau dort kann KI etwas ausrichten, und die meisten fangen trotzdem falsch an. Von den Unternehmen in Deutschland, die keine KI nutzen, nennen 72 Prozent fehlendes Wissen als Grund (Quelle: Statistisches Bundesamt, Erhebung zur IKT-Nutzung in Unternehmen, 2025). Es ist also kein Geldproblem und kein Technikproblem. Es ist ein Startproblem.
In Deutschland gibt es rund 4 Millionen Selbstständige und Kleinst- und Kleinunternehmen. Das ist die Gruppe, für die ich arbeite. Über 650.000 Selbstständige nutzen Lexware, und ich sehe deshalb ziemlich genau, wo im Alltag die Zeit verschwindet. Es sind fast immer dieselben fünf Dinge. Für keines davon brauchst du einen Kurs und keinen Berater. Du brauchst eine Stunde und eine Aufgabe, die du im Schlaf kennst.
Warum scheitern die meisten am Anfang?
Es gibt dazu eine amtliche Antwort. Von den Unternehmen, die keine KI nutzen, nennen
- 72 Prozent fehlendes Wissen als Grund,
- 62 Prozent Unklarheit über die rechtlichen Folgen,
- 60 Prozent Bedenken beim Datenschutz.
Die Kosten stehen mit 32 Prozent weit hinten (Quelle: Statistisches Bundesamt, Erhebung zur IKT-Nutzung in Unternehmen, 2025).
Bei der Größe, um die es hier geht, ist die Datenlage übrigens noch dünner als das Problem. Die Erhebung erfasst nur Unternehmen ab 10 Beschäftigten. Wer allein arbeitet oder zu dritt, kommt in dieser Statistik gar nicht vor. Genau diese Gruppe frage ich seit Jahren, und dort ist der Anteil nach allem, was ich sehe, noch einmal deutlich niedriger.
Der häufigste Denkfehler beim Einstieg
Der häufigste Fehler ist, mit etwas anzufangen, das du selbst nicht beurteilen kannst. Eine Marktanalyse, ein Businessplan, eine Strategie. Du liest das Ergebnis, findest es plausibel und weißt trotzdem nicht, ob es stimmt. Genau da entsteht das Misstrauen, und es bleibt dann meistens.
Der richtige Einstieg ist das Gegenteil. Nimm eine Aufgabe, bei der du den Fehler sofort siehst. Wenn du seit zwanzig Jahren Angebote schreibst, erkennst du ein schlechtes Angebot in drei Sekunden. Diese drei Sekunden sind dein Prüfwerkzeug. Ohne sie lernst du nichts, mit ihnen sehr schnell viel.
Welche fünf Aufgaben kannst du sofort abgeben?
Es müssen keine großen Dinge sein, im Gegenteil. Die besten Aufgaben für den Anfang sind die kleinen, lästigen, die sich jede Woche wiederholen.
- Der Leistungsnachweis. Du hast Stichpunkte aus einem Projekt und musst daraus etwas machen, das ein Kunde versteht und akzeptiert. Gib die Stichpunkte, sag in welchem Ton und für wen, und lass schreiben. Das ist die Aufgabe mit dem besten Verhältnis von gesparter Zeit zu Risiko, weil du das Ergebnis ohnehin selbst gegenliest. Prüfen musst du die Stunden und die Namen.
- Die Mahnung. Der Text, den niemand gern schreibt, weil er freundlich und bestimmt gleichzeitig sein muss. Eine KI kennt keine Scheu vor diesem Ton. Du gibst die Stufe vor, also erste Erinnerung oder letzte Frist, und wählst aus drei Fassungen die, die zu dir und diesem Kunden passt. Prüfen musst du nur den Betrag und das Fälligkeitsdatum.
- Die Angebotsbeschreibung. Du weißt, was du machst, und du erklärst es fast jeden Tag. Sobald du es aufschreiben musst, dauert es trotzdem. Erzähl der KI, was du dem Kunden am Telefon gesagt hast, und lass sie daraus die Leistungsbeschreibung bauen. Prüfen musst du, ob dort wirklich nur steht, was du auch leisten willst. Nicht mehr und nicht weniger.
- Die Terminvorbereitung. Vor einem Gespräch wissen, wer da sitzt und was das Unternehmen macht. Aus fünfzehn Minuten Suchen werden zwei Minuten Lesen. Wichtig ist nur, dass du nach den Quellen fragst, sonst bekommst du eine schöne Zusammenfassung von nichts. Prüfen musst du zwei Fakten, bevor du dich einwählst.
- Der Posteingang. Hier würde ich gar nicht erst Antworten schreiben lassen, sondern nur sortieren. Was ist dringend, was ist eine Rechnung, was kann bis morgen warten. Das klingt banal und ist oft der Moment, in dem jemand zum ersten Mal denkt, dass er das auch nicht selbst hätte machen müssen.
Buchhaltung und Belege fehlen in dieser Liste bewusst. Dazu weiter unten ein eigener Abschnitt.
Was unterscheidet einen Versuch von einem verlässlichen Ergebnis?
Am Anfang gibst du eine Anweisung und schaust, was zurückkommt. Das ist Prompten, und es funktioniert einmal. Beim zweiten Mal formulierst du anders und bekommst ein anderes Ergebnis. So entsteht nie Verlass.
Verlässlich wird es, wenn du einmal festlegst, was du erwartest. Dafür brauchst du fünf Angaben.
Das Ziel. Was soll erreicht werden. Als Ergebnis, nicht als Tätigkeit. Nicht „schreib etwas über das Projekt“, sondern „ein Leistungsnachweis, den der Kunde ohne Rückfrage abzeichnet“.
Der Rahmen. Was darf die KI. Was gehört hinein, was nicht, welcher Ton, welche Länge.
Die Werte. Wie soll sie handeln. Beim Leistungsnachweis heißt das bei mir: sachlich und niemals werblich.
Die Eskalation. Wann fragt sie dich. Hierhin gehört die wichtigste Regel überhaupt, nämlich „wenn dir eine Angabe fehlt, erfinde nichts, sondern schreibe FEHLT“. Dieser eine Satz verhindert mehr Ärger als jede andere Anweisung.
Die Kontrolle. Wie prüfst du. Woran du erkennst, dass es gut ist, bevor du es rausschickst. Beim Leistungsnachweis sind das die Stunden und die Namen, bei der Mahnung der Betrag und das Datum. Mehr nicht.
Wenn du diese fünf Angaben einmal aufschreibst, hast du keinen losen Prompt mehr, sondern einen festen Auftrag. Ich nenne das ein Mandat. Warum ich glaube, dass wir KI künftig mandatieren statt prompten, steht ausführlich auf das-lena-prinzip.de.
Wie sieht so ein Auftrag konkret aus?
Damit das nicht abstrakt bleibt, hier mein Auftrag für den Leistungsnachweis, so wie er bei mir wirklich aussieht. Du kannst ihn übernehmen und die Stellen austauschen, die bei dir anders sind.
Ziel. Ein Leistungsnachweis, den der Kunde ohne Rückfrage abzeichnet.
Rahmen. Grundlage sind ausschließlich meine Stichpunkte, es wird nichts ergänzt und nichts ausgeschmückt. Höchstens eine Seite. Der Kunde kennt das Projekt, also keine Erklärung von Grundlagen.
Werte. Sachlich und niemals werblich. Keine Leistung größer machen, als sie war.
Eskalation. Wenn eine Angabe fehlt oder sich zwei Stichpunkte widersprechen, wird nicht geraten. Dann steht FEHLT an der Stelle und ich entscheide.
Kontrolle. Stimmen die Stunden mit meinen Stichpunkten überein. Ist jeder Name richtig geschrieben. Steht irgendwo eine Leistung, die ich nicht erbracht habe.
Diese fünf Absätze schreibst du einmal. Danach schickst du jede Woche nur noch die Stichpunkte hinterher. Das ist der Unterschied zwischen einem Versuch und einem Auftrag.
Wo hört KI auf?
1. Bei allem, was gerechnet wird
Eine Umsatzsteuervoranmeldung, eine Lohnabrechnung, eine Abschreibung. Da gibt es kein „ungefähr richtig“, sondern nur richtig oder falsch. Ein Sprachmodell rechnet nicht, es formuliert wahrscheinliche Sätze.
Das ist keine Frage der Reife des Werkzeugs, sondern eine Frage des Rechts. Die Abgabenordnung sagt in § 150 Absatz 2 unmissverständlich, dass die Angaben in Steuererklärungen „wahrheitsgemäß nach bestem Wissen und Gewissen zu machen“ sind. Nach bestem Wissen und Gewissen ist keine Eigenschaft, die ein Sprachmodell haben kann. Diese Pflicht trifft dich persönlich, und sie lässt sich nicht an ein Werkzeug weitergeben.
Solche Aufgaben gehören in eine Software, die die Regeln kennt und dafür einsteht, oder zu deinem Steuerberater. Die eigentliche Rechnung gehört keiner KI. Was drumherum sehr wohl geht, dazu unten ein eigener Abschnitt.
2. Bei allem, was zum ersten Mal passiert
Bei bekannten Vorgängen ist KI stark, weil sie Muster kennt. Beim ungewöhnlichen Einzelfall klingt sie genauso überzeugt, und du hast nichts, woran du das prüfen könntest.
Daraus folgt eine einfache Regel. Erst verstehen, dann abgeben. Was du noch nie selbst gemacht hast, solltest du nicht blind an eine KI delegieren.
Darf ich Kundendaten in eine KI eingeben?
Das ist die Frage, die oben mit 60 Prozent in der Statistik steht, und sie ist berechtigt. Vier der fünf Aufgaben arbeiten mit echten Daten. Namen, Beträge, Adressen, im Posteingang sogar alles gleichzeitig.
Meine Regel dazu ist einfach. Personenbezogene Daten gehören nicht in ein kostenloses Werkzeug, dessen Anbieter mit deinen Eingaben trainiert. Das steht in den Nutzungsbedingungen, und dort schaut fast niemand hin.
Im Alltag löst du das mit Platzhaltern. Schreib nicht „Rechnung an Familie Weber über 1.840 Euro“, sondern „Rechnung an Kunde A über Betrag X“. Den fertigen Text setzt du dann in deinem eigenen System zusammen und trägst die echten Angaben dort ein. Das kostet zwanzig Sekunden und nimmt den größten Teil des Problems weg.
Wenn du regelmäßig mit echten Daten arbeiten willst, brauchst du ein Werkzeug mit Auftragsverarbeitungsvertrag, bei dem das Training mit deinen Eingaben abgeschaltet ist. Das ist kein Luxus, das ist die Bedingung.
Wer haftet, wenn die KI sich irrt?
Du. Diese Antwort ist unbequem und lässt sich nicht wegdelegieren. Vor dem Finanzamt, vor dem Kunden und vor dem Gericht steht dein Name unter dem Dokument, nicht der eines Anbieters. Wenn eine Rechnung falsch ist, ist nicht die KI verantwortlich. Wenn eine falsche Angabe beim Kunden landet, bist du es.
Für den Alltag folgt daraus etwas sehr Praktisches. Gib Aufgaben ab, deren Ergebnis du in Sekunden prüfen kannst, und behalte die, bei denen du das nicht kannst. Nicht weil die KI schlecht wäre, sondern weil du die Verantwortung ohnehin behältst. Wer diese Reihenfolge einhält, wird schnell und bleibt sicher. Wer sie umdreht, spart heute ein paar Stunden und zahlt sie irgendwann teuer zurück.
Und was ist mit Belegen und Buchhaltung?
Oben habe ich sie bewusst aus der Liste gelassen, und das braucht eine Erklärung, weil es für die meisten der größte Zeitfresser überhaupt ist.
Die Buchung selbst gehört nicht in eine KI. Welches Konto, welcher Steuersatz, welche Periode, das sind Regeln und keine Wahrscheinlichkeiten. Genauso die Zahlen darin.
Alles drumherum sehr wohl. Belege aus dem Posteingang und aus Fotos zusammensuchen. Vorschlagen, welcher Beleg zu welcher Zahlung gehört. Auffallen lassen, wo etwas fehlt, doppelt ist oder nicht zusammenpasst. Eine Rückfrage an den Kunden oder an den Steuerberater vorformulieren.
Das ist die nützlichste Arbeitsteilung, die ich kenne. Die KI sortiert und fragt nach, die Software rechnet und steht dafür ein, und du entscheidest.
Woran erkenne ich ein Werkzeug, dem ich das zutrauen kann?
Vier Fragen genügen, und du kannst sie alle in zehn Minuten beantworten.
- Gibt es einen Auftragsverarbeitungsvertrag? Ohne den kannst du keine Kundendaten verarbeiten, egal wie gut das Werkzeug ist.
- Lässt sich das Training mit deinen Eingaben abschalten? Bei Geschäftskunden-Zugängen ist das üblich, bei kostenlosen Zugängen fast nie.
- Nennt es Quellen, wenn es etwas behauptet? Ein Werkzeug, das keine Quelle nennen kann, ist für Recherche unbrauchbar, für Textarbeit trotzdem gut.
- Sitzt es dort, wo du ohnehin arbeitest? Ein Werkzeug, für das du eine zweite Anwendung offen haben musst, benutzt du nach drei Wochen nicht mehr.
Was kostet es, alles selbst zu machen?
In der Statistik oben nennen nur 32 Prozent die Kosten als Grund, und ich halte das für die richtige Reihenfolge. Denn die interessantere Frage ist nicht, was ein Werkzeug kostet. Die interessantere Frage ist, was es dich kostet, alles selbst zu machen.
Ein Nachmittag mit Texten, die niemand liest. Eine Stunde, in der du Belege zusammensuchst. Abends noch eine Mahnung, weil sie sonst wieder liegen bleibt. Und währenddessen wartet die Arbeit, für die dich dein Kunde bezahlt.
Das ist der Preis, über den zu selten gesprochen wird. Selbstständig zu sein heißt nicht, alles selbst machen zu müssen. Es heißt, die Verantwortung zu tragen. Und genau deshalb darfst du dir Hilfe holen.
Was ich daraus mitnehme
Ich halte den Zugang, den viele wählen, für falsch herum. Erst der große Plan, dann das Werkzeug, dann irgendwann der Alltag. Bei kleinen Unternehmen funktioniert nur der umgekehrte Weg. Nimm eine einzige Aufgabe, die dich seit Jahren nervt und die du sofort beurteilen kannst. Und dann die nächste.
Wenn 72 Prozent der Unternehmen sagen, ihnen fehle das Wissen, dann ist das für mich keine Bildungslücke. Es ist eine Einstiegslücke. Wissen entsteht bei dieser Technologie nicht vor der ersten Aufgabe, sondern an ihr.
Ich glaube nicht, dass KI das Unternehmertum schwieriger macht. Ich glaube, sie macht es zum ersten Mal seit langem wieder einfacher, allein etwas Ernsthaftes aufzubauen. Aber nicht, indem sie dir die Verantwortung abnimmt. Sondern indem sie dir die Arbeit abnimmt, für die du nie Unternehmer geworden bist.
Fünf Elemente, ein Mandat
Ziel, Rahmen, Werte, Eskalation, Kontrolle. Aus einer Aufgabe wird damit ein Bereich, den die KI dauerhaft übernimmt. Die Verantwortung wandert dabei nicht, sie bleibt bei dir. Was wandert, ist die Arbeit.
Das ganze Prinzip, fertige Mandate für zwölf Branchen und der Baukasten für dein eigenes stehen frei zugänglich auf das-lena-prinzip.de.
Quellen
- Statistisches Bundesamt, Erhebung zur Nutzung von IKT in Unternehmen, 2025, Gründe gegen die KI-Nutzung nach Beschäftigtengrößenklassen
https://www.destatis.de/DE/Themen/Branchen-Unternehmen/Unternehmen/IKT-in-Unternehmen-IKT-Branche/Tabellen/ikti-gegen-nutzung-kuenstliche-intelligenz.html - Abgabenordnung, § 150 Absatz 2, im Volltext nachlesen
https://www.gesetze-im-internet.de/ao_1977/__150.html