Drittes Krisenjahr in Folge: Wie viele stehen im Einzelhandel und Gastgewerbe vor dem Aus?
Freitag, 7. Oktober 2022 auf LinkedIn veröffentlicht
Sorge, Enttäuschung, Existenzängste. So lässt sich die aktuelle Gefühlslage von Einzelhändler:innen und Gastronom:innen angesichts der Energiekrise und der (erneut) mangelhaften Aufmerksamkeit von Seiten des Staates zusammenfassen.
Die Folgen davon werden wir alle spüren, und zwar sehr viel schneller und sehr viel schmerzhafter, als wir heute vielleicht glauben.
- Wenn der Bäcker, der unser Lieblingsbrot verkauft, schließt, weil der Kostendruck zu hoch geworden ist.
- Wenn Restaurants ihre Türen an zusätzlichen Tagen geschlossen lassen oder nur noch im Schichtbetrieb öffnen können und wir deshalb keinen Tisch bekommen.
- Wenn Dörfer und Gemeinden die Geschäfte verlieren, die für ihr Gemeinschaftsgefühl essenziell sind. Wenn in den Innenstädten nur die großen Ketten übrigbleiben und sie kaum mehr voneinander zu unterscheiden sind.
Das ist die Zukunft, die uns droht.
Krise auf mehreren Ebenen
Wie real diese Gefahr tatsächlich ist, zeigt eine kürzlich von Lexware durchgeführte Befragung unter Kleinst-, Klein- und mittleren Unternehmen. Denn insbesondere die 400 Befragten aus Einzelhandel und Gastgewerbe kämpfen derzeit um ihre Existenz und bei manchen von ihnen wird dieser Kampf wohl vergeblich sein: 20 Prozent der Einzelhändler:innen (also jede:r Fünfte) denken ernsthaft darüber nach, das Geschäft aus wirtschaftlichen Gründen aufzugeben. Und im Gastgewerbe sind es sogar doppelt so viele, also 40 Prozent!
Wundern sollten uns diese Ergebnisse allerdings leider nicht, sie sind im Grunde die logische Konsequenz nicht nur der aktuellen Krise, sondern der letzten drei Jahre. So haben die Corona-Maßnahmen Einzelhandel und Gastgewerbe übermäßig hart getroffen: Lockdown, Zugangsbeschränkungen, Abstandsregeln und bei vielen hat sich das Geschäft davon noch nicht erholt und liegt weiterhin unter dem Vorkrisenniveau. Dann sorgen die steigenden Energiekosten dafür, dass benötigte Materialien und Waren teurer werden. Das ist zwar in praktisch allen Branchen der Fall, doch Einzelhandel (67 Prozent) und Gastgewerbe (77 Prozent) spüren dies deutlich stärker als der Durchschnitt (41 Prozent).
Was können sie tun? Die naheliegendste Lösung, die gestiegenen Kosten komplett an die Kunden weitergeben, ist leider keine wirklich probate Lösung. Schließlich müssen auch wir als Endverbraucher:innen immer mehr auf jeden Cent gucken und im Zweifel werden dann, wie unser Wirtschaftsminister Habeck neulich bereits schlussfolgerte, die Brötchen im Discounter statt beim Bäcker gekauft. Das ist toxisch. In der IT würden wir das als Deadlock bezeichnen - ein Teufelskreis.
Ich kann mir gut vorstellen, dass die Überlegung, wie viel der Zusatzkosten man selbst irgendwie gestemmt bekommt und wie viel (hoffentlich) die Kund:innen bereit sind zu übernehmen, derzeit einigen Einzelhändler:innen und Gastronom:innen den Schlaf raubt. Und in dieser Situation werden sie weitgehend allein gelassen. Mal wieder, muss man leider sagen.
Doppel-Wums oder laues Lüftchen?
Unterstützung ist dringend notwendig, wenn wir nicht demnächst durch ausgestorbene Innenstädte gehen und auf dem Land kilometerweit für Waren des täglichen Bedarfs fahren wollen. Doch in der öffentlichen Wahrnehmung scheint diese Gefahr noch nicht erkannt (oder bewusst verkannt) worden zu sein. Man weiß kaum, was schlimmer wäre. Entsprechend fühlen sich aktuell 71 Prozent der Gastronom:innen und 75 Prozent der Einzelhändler:innen vom Staat schlecht oder sogar sehr schlecht unterstützt.
Und auch die neuesten Maßnahmen der Bundesregierung geben nur wenig Anlass zur Hoffnung auf Besserung. Die konkrete Ausgestaltung des 200-Milliarden-Euro-Abwehrschirms, dem sogenannten Doppel-Wums, lässt auf sich warten. Bund und Länder diskutieren noch darüber, wer die Kosten in welcher Höhe tragen soll und beim Preisdeckel für Strom und Gas wird auf die Arbeit der unabhängigen Kommission Erdgas und Wärme gewartet. Auch steht noch nicht fest, ob und inwieweit darüber hinaus rückwirkend Wirtschaftshilfen gewährt werden, beispielsweise an KMUs und Einzelhändler. Dies soll laut Beschlussvorlage geprüft werden. Die Frage ist nur, wie viele dieser Unternehmen am Ende der Prüfung überhaupt noch existieren oder ob diejenigen, die diese Unterstützung jetzt dringend benötigen, bis dahin aufgeben mussten.
Wir brauchen jetzt weniger Gießkanne und mehr schnelle, konkrete und unbürokratische Hilfen, um die Betriebe zu entlasten und vor allem um ihnen Planungssicherheit zu ermöglichen. Genau diese fehlt den Betrieben nämlich und macht kurz- und langfristige Kalkulationen nahezu unmöglich.
Der Winter wird entscheidend
Die kommenden Monate sind wichtig für Handel und Gastgewerbe – das Weihnachtsgeschäft steht an, einschließlich Geschenkekäufen und Weihnachtsfeiern. Doch mit Blick auf die seit Monaten kontinuierlich sinkende Konsumlaune dürfte sich der Optimismus vielerorts in Grenzen halten. Angesichts dessen (und etwaiger Auswirkungen einer neuen Coronawelle) könnten vielen Geschäfte den Winter nicht überleben.
Ein drittes nicht planbares Jahr in Folge ist für viele schlicht nicht zu stemmen.