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Christian Steiger

Gebaut

Etwas bauen, das bleibt

Produkte, Unternehmen, Musik und Ideen. Nicht alles hat funktioniert. Alles hat etwas hinterlassen.

1997

Lift Off!

Der Titel der Euro-Mir im Europa-Park

Das Problem

Ich mache seit 1993 Musik, erst an einem einzelnen Keyboard, später nachts in einem richtigen Studio. Damals ist das eine Materialschlacht. Ohne die Geräte hast du keine Chance, etwas zu bauen, das jemand hören will.

Der Studiobesitzer produziert viel für den Europa-Park. Eines Tages kommt er rein und sagt, ihr hockt ja immer for free drinnen, jetzt brauch ich euch mal.

Die Idee

Es gibt keine. Wir haben begrenzte Zeit und überhaupt keine Lust. Wir machen einen kurzen Riff und ein bisschen bumm bumm drunter. Mehr ist es nicht.

Was daraus wurde

Aus dem Riff wird eine ganze Platte. Lift Off! trägt ab 1997 die Achterbahn Euro-Mir im Europa-Park, dazu stammen sieben der zehn Titel des Soundtrack-Albums von mir und Ben Klug.

Veröffentlicht haben wir unter Pseudonymen. Meines ist Hell Bopp, nach dem Kometen Hale-Bopp, der 1997 mit bloßem Auge zu sehen war. Ein Wortspiel aus der Raumfahrt, passend zum Thema der Bahn.

Aus denselben Jahren stammen vier Titel auf Café del Mar: Vol. 8, Vol. 11, die Ibiza-Ausgabe Volumen Siete Y Ocho und The Very Best Of. Zusammengenommen sind es 23 eigene Platten und Titel auf über 150 weiteren Veröffentlichungen.

Wenn ich heute im Park bin, stehe ich manchmal in der Bahn und sehe Leute in der Schlange mitwippen. Am 9. Januar 2027 verabschiedet der Park die Euro-Mir nach dreißig Saisons. Die Melodie bleibt, das hat der Park bestätigt.

Was ich daraus gelernt habe

Man weiß beim Bauen nicht, was bleiben wird. Der Auftrag, auf den ich am wenigsten Lust hatte, ist das Einzige aus dieser Zeit, das dreißig Jahre gehalten hat.

Cover des Albums Project Euro MIR, ein gelbes Wappen mit Stern und Erdkugel auf blauem Grund
Das Album zum Soundtrack, Calren Records 1997. Artwork von comprende, Gestaltung von lasse.

Erzählt bei Lifeline mit Sachar Klein, 8. April 2025, WirtschaftsWoche Management-Blog, 21. November 2023.

Die vollständige Diskografie

2008 bis 2010

Zaplive

Jeder sein eigener Live-Kanal

Das Problem

2006 kauft Google YouTube. Video im Netz ist damit entschieden. Live ist es nicht. Wer etwas live zeigen will, braucht einen Sender, eine Lizenz und Geld.

Ehrlich ist aber auch: Ich fange nicht beim Problem an. Ich fange bei der Technik an. Das merke ich erst Jahre später.

Bei Haufe bin ich damals angestellt und komme nicht weiter. Ich drehe mich wie so ein Korkenzieher immer tiefer in was Negatives rein, nicht in was Positives.

Dann kommt jemand mit einer Idee auf mich zu. 2008 gründe ich die Zaplive Media GmbH.

Die Idee

Jeder soll seinen eigenen Live-Kanal betreiben können. Kein Sender, keine Lizenz, eine Kamera genügt. Drei Jahre bevor Twitch entsteht.

Was daraus wurde

Technisch funktioniert es. Wir senden live aus dem Busch in Südafrika. Jemand überquert einen Ozean und sendet dabei. Der Ton ist ein Riesenthema, die Geräte sind verspielt und zu sehr in die Technik verliebt.

Das eigentliche Problem ist ein anderes. Wir brauchen Menschen, die senden, und Menschen, die zuschauen. Keine der beiden Gruppen kommt ohne die andere.

Die Antwort liegt die ganze Zeit im Haus. Ein paar Leute übertragen ihre Computerspiele. Das ist der einfachste Fall überhaupt, Ton und Bild sind schon da, man muss sie nur weiterreichen. Ich habe es nicht erkannt, dass das das Einfachste ist zum Übertragen und eine riesen Base hat, wo zugeguckt wird.

Justin.tv erkennt es. Daraus wird Twitch.

Am Ende ist MyVideo interessiert, das Videoportal von ProSiebenSat.1. Sie wollen Teile herauskaufen. Es kommt nicht dazu, wir bekommen es nicht groß genug. 2010 beenden wir es. Keine Insolvenz, kein Verkauf. Wir hören auf.

Was ich daraus gelernt habe

Es ist toll, dass es geht, aber es braucht halt keiner, dann nutzt es auch nix.

Zu früh dran zu sein ist eine besondere Form des Scheiterns. Sie lehrt Timing.

Und sie lehrt noch etwas. Wir hatten die richtige Beobachtung im eigenen Haus und haben sie nicht gesehen, weil wir auf die Technik geschaut haben und nicht auf die Menschen, die sie benutzen.

Bildschirmfoto der Startseite von zaplive.tv aus dem Jahr 2009, mit einem laufenden Livestream und einer Übersicht der Kanäle
Die Startseite von zaplive.tv, 2009. Oben läuft eine Livesafari aus dem afrikanischen Busch, seit 41 Tagen, mit 30 Zuschauern. In der zweiten Reihe unten steht der Kanal, der Videospiele überträgt. Eigenes Archiv.

Erzählt bei Lifeline mit Sachar Klein, 8. April 2025, L'Extra Mile, 9. Dezember 2025.

Der Werbefilm von 2009, knapp anderthalb Minuten

ab 2010

Blue Ocean

Ein eigener Bereich für neues Geschäft

Das Problem

Ich komme 2010 zur Haufe Group zurück. Das Unternehmen hat schon viel versucht, um Neues in die Organisation zu bekommen. Es klappt nicht. Neues Geschäft entsteht selten dort, wo das bestehende Geschäft verteidigt wird.

Die Idee

Der damalige CEO gibt mir eine Carte blanche. So genannt hat er es nicht, so war es aber. Ich muss niemanden übernehmen, ich habe ein eigenes Budget, und ich darf mich bewusst aus dem Haus heraussetzen.

Den Bereich nenne ich Blue Ocean, nach dem Buch, das den Markt in einen roten und einen blauen Ozean teilt. Der rote ist der, in dem alle um dieselben Kunden kämpfen. Der Name soll sofort die Bilder im Kopf aufgehen lassen, und genau das passiert. Wer zu uns wechselt, ist plötzlich Blue Ocean.

Was daraus wurde

Wir bauen ein eigenes Vorgehen in drei Wellen. Scout heißt verstehen, was jemand wirklich braucht. Proof heißt prüfen, ob es technisch und wirtschaftlich trägt. Deliver heißt bauen. Dazu Design Thinking, das Programm ME310 in Stanford gemeinsam mit der Universität St. Gallen, und Teams, die ihren Weg selbst wählen.

Bis 2019 führe ich als Geschäftsbereichsleiter für Innovation über 150 Menschen. Aus dem Bereich kommen mehrere Geschäfte. Eines davon ist Lexware Office.

Was ich daraus gelernt habe

Ein eigener Bereich hilft. Das würde ich heute wieder genauso machen.

Die Gefahr kommt danach, und wir sind hineingelaufen. Die einen dürfen alles ausprobieren, die anderen haben das Gefühl, sie schaufeln im Kohlekraftwerk. Dabei hängt beides voneinander ab. Ohne das Geschäft, das heute Gewinn macht, gibt es nichts zu investieren.

Eine große Wand voller pinker, gelber und blauer Haftzettel, dazwischen in roter Schrift Begriffe aus den Gesprächen
Die Wand in Stanford, 25. Oktober 2010. Hunderte Zettel aus Gesprächen mit kleinen Unternehmen, dazwischen in Rot die Wörter, die immer wiederkamen: exhausted, stressed out, unhappy, struggling, paranoid, family oriented. Genau das meint die Scout-Phase.

Erzählt bei L'Extra Mile, 9. Dezember 2025, Lifeline mit Sachar Klein, 8. April 2025, digital kompakt, 1. November 2023.

ab 2010, am Markt seit 2012

Lexware Office

Angefangen als Greenland, mit mir als Mitarbeiter Nummer null

Das Problem

Selbstständige verbringen Abende mit Belegen, Rechnungen und Fragen, die mit ihrem Beruf nichts zu tun haben. Die Buchhaltung ist das Herz eines jeden Business. Sie wird verkannt.

Die Idee

Ich habe es 2010 auf einem Blatt Papier in der Kantine skizziert. Damals haben alle gesagt: Buchhaltung aus der Cloud? Das will keiner.

Ende 2010 fange ich trotzdem an. Intern heißt das Ganze Greenland. Ich bin Mitarbeiter Nummer null. Ich sage bewusst null, weil eins klingt, als würde ich mich selber raten.

Was daraus wurde

Die erste Phase dauert fast ein Dreivierteljahr. Wir reden mit fast 800 Unternehmerinnen und Unternehmern und fragen nur, was sie brauchen.

Wir entscheiden uns gegen die Buchhaltung als Zuschnitt und für den ganzen Geschäftsprozess, von Anfang bis Ende, mit Steuerberatung und Bank gleich mitgedacht.

2012 geht es an den Markt und gewinnt im ersten Jahr 5.000 Kunden. Heute arbeiten über 650.000 Unternehmen mit den Lösungen von Lexware.

Was ich daraus gelernt habe

Kurz nach dem Start fragen wir die Kunden zum ersten Mal, wie wahrscheinlich es ist, dass sie uns weiterempfehlen. Aus den Antworten wird eine Zahl zwischen minus hundert und hundert.

Der Wert kommt mit 16 zurück. Ich war sowas von überzeugt, wir hatten ja genau das gebaut, was die Leute gesagt hatten. Da kam ich echt mal kurz richtig ins Straucheln. Ich habe eine Woche gebraucht, um damit klarzukommen. Heute liegt der Wert über 55.

Zu bauen, was Kunden sagen, ist nicht dasselbe wie zu verstehen, was sie brauchen.

Eine Handskizze in blauem Kugelschreiber mit einem Haus in der Mitte, Pfeilen zu Belegen, Bank und Steuerberater und einer steigenden Kurve
Die Skizze aus der Kantine, 2010. In der Mitte das kleine Unternehmen, links die Eingangsbelege, rechts die Ausgangsbelege, unten die Bank, oben die Buchhaltung und der Steuerberater. Rechts unten steht schon die Frage, die bis heute alles trägt: jetzt und Zukunft.
Eine gerahmte Anzeigetafel mit Leuchtpunkten, beschriftet mit Blue Ocean und mehreren Zeilen, die mit Greenland beginnen
Die Anzeigetafel im Büro, 14. November 2011, ein Jahr vor dem Marktstart. Oben das Zeichen von Blue Ocean, darunter die Bauläufe: Daily Build Greenland, Greenland REST, Greenland SQL. Grün heißt, es läuft.

Erzählt bei Lifeline mit Sachar Klein, 8. April 2025, L'Extra Mile, 9. Dezember 2025, digital kompakt, 1. November 2023.

Lexware Office

seit 2020

Tell Your Story

Eine Bühne für Selbstständige

Das Problem

Über Selbstständige wird viel geredet und selten mit ihnen. Die Aufmerksamkeit geht an Startups. Dabei haben rund 97 Prozent aller deutschen Unternehmen weniger als fünfzig Beschäftigte.

Die Idee

Ihnen eine Bühne geben, auf der sie selbst sprechen. Nicht wir sind die Hauptfigur, sondern die Menschen, für die wir arbeiten.

Was daraus wurde

Geschriebene Porträts und ein Podcast, den ich moderiere. Gäste, die erzählen, wie sie angefangen haben, was schiefgegangen ist und was sie heute anders machen.

Was ich daraus gelernt habe

Wir nennen uns Rückenfreihalter. Das gilt auch hier. Die Geschichte gehört dem, der sie erlebt hat, nicht dem, der die Bühne gebaut hat.

Ein paar der Gäste. Jedes Gesicht führt zu seiner Folge.

Erzählt bei Digitale Vorreiter:innen, 19. Januar 2026.

Tell Your Story

2026

Das Lena Prinzip

KI mandatieren statt prompten

Das Problem

KI macht Software schneller kopierbar. Funktionen, Code und Kanäle sind bald bei allen gleich. Wer dann nur schneller baut, gewinnt nichts.

Die Idee

KI nicht prompten, sondern mandatieren. Ein Mandat beschreibt ein Ziel, eine Grenze und eine Verantwortung, nicht einen einzelnen Handgriff. Daraus wird ein KI-Co-CEO für Selbstständige, der den Rücken freihält statt Aufgaben abzuarbeiten.

Was daraus wurde

2025 steht es zum ersten Mal auf einer Bühne, im Oktober beim Business Creator Summit und beim Black Forest Space. Im Dezember greift DIE ZEIT es auf.

2026 erscheint es vollständig und frei zugänglich auf das-lena-prinzip.de. Handelsblatt und Badische Zeitung greifen es auf.

Was ich daraus gelernt habe

Das ist der Teil, der noch nicht fertig ist. Was ich heute glaube: Was kopierbar ist, wird kopiert. Was bleibt, ist das, wofür jemand steht.

Christian Steiger auf einer dunklen Bühne, hinter ihm eine große Leinwand mit dem Satz über die KI-Co-CEO
Auf der Bühne bei data:unplugged, März 2026. Auf der Leinwand steht der Satz, um den es geht: Was wir hier sehen, ist keine Assistentin. Was wir hier sehen, ist seine KI-Co-CEO.

Erzählt bei brand eins Podcast, 1. Mai 2026, Digitale Vorreiter:innen, 19. Januar 2026.

Das Lena Prinzip

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