Zum Inhalt
Christian Steiger

Artikel

Trendwende: Wieder mehr Selbstständige – was heißt das für Deutschland?

Donnerstag, 16. Februar 2023 auf LinkedIn veröffentlicht

Krise, Krise, Krise ...gefühlt lesen wir seit drei Jahren nichts anderes mehr. Eine Krise jagt die nächste, während die letzte noch gar nicht ausgestanden ist.

Auch ich versuche regelmäßig, auf akute Probleme und Sorgen unserer Kund:innen (KKU: den Solo-Selbstständigen, Kleinst- und Kleinunternehmer:innen dieses Landes) aufmerksam zu machen.

Weil wir unsere Augen nicht vor den Folgen verschließen dürfen, die drohen, wenn wir die KKU nicht besser unterstützen! Und zwar jeden einzelnen von ihnen, aber auch für uns insgesamt als Wirtschaft und Gesellschaft.

Aber ich kann auch jeden verstehen, der von den ständigen Negativschlagzeilen inzwischen genug hat. Der (oder natürlich auch die) nach Lichtblicken in diesem auch sonst so grauen Winter sucht.

Zumindest einen kleinen Lichtblick kann ich an dieser Stelle bieten: Nach einem jahrelangen Abwärtstrend wird die Anzahl der Solo-Selbstständigen und KKU endlich wieder zunehmen.

Der Trend kehrt sich um

Diese Einschätzung kommt nicht von ungefähr, sondern basiert auf einer Datenmodellierung unseres langjährigen Partners Statista, der dafür verschiedenste Daten, Prognosen und Variablen analysiert.

Diese Daten stellen wir in unserem KMU Data Hub zur Verfügung, um die Gruppe der Selbstständigen und kleinen Unternehmen auch zahlenmäßig greifbar zu machen und eine einheitliche Datenlage anzubieten. Demnach werden wir in diesem Jahr, bei einer neutralen Wachstumsprognose, auf etwas über 3,8 Millionen Solo-Selbstständige und KKU kommen.

Das ist zwar ein Minus von 6,6 Prozent im Vergleich zu 2019. Doch nach diesem letzten Hoch von etwa 4,07 Millionen Unternehmen ging es krisenbedingt steil nach unten – bis letztes Jahr. 2022 scheint mit knapp unter 3,8 Millionen Unternehmen die Talsohle gewesen zu sein, die wir nun durchschritten haben.

Das gilt übrigens auch, wenn man eine eher pessimistische Wachstumsprognose zugrunde liegt. Im Fall einer besonders starken Wachstumsrate können wir für 2023 sogar mit fast 3,82 Millionen Solo-Selbstständigen und KKU rechnen.

Und auch wenn das Wachstum der einzelnen Branchen im Vergleich zum Vorjahr bei weniger als einem Prozent liegt, werden doch alle in diesem Jahr wachsen, ob das Dienstleistungen im Finanz- und Versicherungswesen sind, das Gesundheits- und Sozialwesen oder das verarbeitende Gewerbe.

Die Zahlen zeigen mehrheitlich in die richtige Richtung, das können wir als vielversprechenden Fortschritt bewerten. Und ja, selbstverständlich wäre ein noch deutlicheres Wachstum überaus wünschenswert. Die Bedeutung von Solo-Selbstständigen und KKU für unser Land habe ich ja schon an der einen oder anderen Stelle dargelegt.

Aber in Anbetracht der letzten Jahre sollten wir uns über jegliches Wachstum freuen.

Die Zeit ist reif für neue Ideen

Denn diese Entwicklung könnte nur der Anfang sein. Womöglich werden wir in den nächsten Jahren eine neue Gründerzeit erleben.

Wir haben es in der Vergangenheit schon öfter gesehen, zuletzt infolge des Finanzcrash 2008/09, dass eine Krise neue Ideen und neuen Mut hervorbringt, diese zu verwirklichen.

Das mag sich im ersten Moment widersinnig anhören, denn wer verlässt in einer wirtschaftlich unsicheren Lage schon freiwillig die Sicherheit des Angestelltendaseins und nimmt Geld in die Hand, um sich selbstständig zu machen? Man sollte meinen, es gibt wesentlich günstigere Momente für die Unternehmensgründung.

Aber eine Krise bietet eben auch immer Chancen. So haben wir in den letzten Jahren deutlich aufgezeigt bekommen, wo Deutschland derzeit an seine Grenzen kommt. Das ist beispielsweise, trotz aller Fortschritte, die Digitalisierung. Hier gibt es hier immer noch sehr viel Potenzial für weitere Verbesserungen und neue Ansätze in unserer Bürokratie. Weiterhin besteht ein Konflikt zwischen Datenschutz und digitaler Innovation, der noch gelöst werden muss.

Gleichzeitig hat die Globalisierung ihre Schwächen offenbart. Wir haben gelernt, wie fragil viele Lieferketten sind. Wir sollten ernsthaft überlegen, ob es nicht zweckmäßiger wäre, die Produktion kritischer Waren wieder vermehrt nach Europa oder gleich Deutschland zu legen. Diese Autarkie lässt sich aber nur erreichen, wenn wir Wege finden, kosteneffizienter zu produzieren. Auch hier bieten sich Chancen für Gründer:innen.

Wir müssen allerdings auch die richtigen Voraussetzungen schaffen, damit Menschen ihre Ideen erfolgreich verwirklichen können. Und gerade daran hapert es hierzulande in mehrfacher Hinsicht. Zu viel Bürokratie und der administrative Aufwand sind dabei mit die größten Probleme.

Wir hören immer wieder von Gründer:innen, dass sie gerade am Anfang kaum einen Überblick haben, welche Dokumente sie brauchen, Behördengänge viel Zeit verschlingen und Fehler bei der Steuer (die aus Unwissenheit gemacht werden) sie oft teuer zu stehen kommen.

Wenn wir tatsächlich eine neue Gründerzeit in Deutschland einläuten wollen, muss die Politik die Rahmenbedingungen für das Unternehmertum verbessern und zwar schnellstmöglich.

Doch bislang macht unsere Regierung, die sich als „Zukunftskoalition“ betitelte, kaum Anstalten in diese Richtung, leider. Für die Zukunft und Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes sind das keine guten Aussichten.

Alle ArtikelAuf LinkedIn lesen