Wir brauchen mehr Gründerinnen – tun aber zu wenig dafür
Montag, 13. März 2023 auf LinkedIn veröffentlicht
„Frauen werden auf dem Weg in die Selbstständigkeit von der Gesellschaft eher entmutigt, wohingegen Männer weiterhin ermutigt werden.“
Diese Aussage eines Steuerberaters (m/w/d) im Rahmen unseres neuen Trendradars bringt auf den Punkt, warum wir hierzulande seit Jahrzehnten nur so wenig Gründerinnen haben. Laut KfW Gründungsmonitor liegt ihr Anteil seit 2002 durchschnittlich bei lediglich 39 Prozent. Das sollte doch mehr gehen – tut es aber einfach nicht.
Die Finanzierung als erste Hürde
Und wie so häufig bei Fragen der Gleichberechtigung ist das nicht nur auf gesellschaftlicher Ebene ein Problem, sondern auch auf wirtschaftlicher. Denn in den Köpfen von Frauen verstecken sich viele gute, innovative, kreative Ideen, die vielleicht einige der dringendsten Probleme unseres Landes lösen könnten, aber nie in die Realität umgesetzt werden. Zu viel spricht für viele Frauen dagegen, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen.
Das fängt beispielsweise schon bei der Finanzierung an: Grundsätzlich, bestätigen auch die Teilnehmenden unserer Umfragen, gehen Frauen das Gründertum vorsichtiger an als Männer und haben beispielsweise mehr Rückfragen zu betriebswirtschaftlichen und steuerrechtlichen Themen (51 Prozent).
Zudem wollen sie am Anfang häufig eher niedrige Investitionen in ihr neues Unternehmen tätigen. So gründen neun von zehn Frauen (88 Prozent) Einzelunternehmen, für die je nach Typ gesetzlich nicht mal ein Mindestkapital vorgeschrieben ist. Doch genau das stellt sich dann als Problem heraus, weil viele Banken gar nicht die Option bieten, Summen von wenigen Tausenden oder Zehntausenden Euro als Kredit aufzunehmen.
Und scheinbar gilt mancherorts auch nur die theoretische Möglichkeit einer Schwangerschaft als Ausschlusskriterium bei der Kreditvergabe – im Jahr 2023! Das Traurige daran ist aber eigentlich, dass es einen nicht wirklich überrascht.
Frauen jonglieren Familie, Haushalt, Unternehmen
Dass die Care-Arbeit weiterhin größtenteils auf den Schultern von Frauen lastet, hilft dabei auch nicht. Das ist ebenfalls eine Beobachtung der Steuerberatenden: Frauen versuchen Haushalt, Familie und Unternehmen unter einen Hut zu bringen, während Männer sich weitgehend auf ihr Geschäft konzentrieren können – oft dank der rückenfreihaltenden Partnerin im Hintergrund. Eine Folge davon ist, dass Frauen viel häufiger im Nebenerwerb gründen (65 Prozent).
Dabei spielt sicherlich auch eine Rolle, dass viele Frauen sich, zumindest laut mehr als einem Drittel der Befragten (38 Prozent), unternehmerisch weniger zutrauen. Das scheint aber weniger an tatsächlich fehlendem Wissen zu liegen – nur gut jede:r fünfte Steuerberatende sieht Lücken bei den betriebswirtschaftlichen Kenntnissen (18 Prozent) und dem Finanzwissen (21 Prozent) von Mandantinnen. Viel mehr liegt die Vermutung näher, dass diese Unsicherheit in veralteten Rollenbildern, fehlender Ermutigung und eben der (gesellschaftlichen) Schlechterbehandlung, für die es noch zahlreiche weitere Beispiele gibt, begründet ist.
Wir alle verlieren in dieser Situation
Angesichts all dieser Hindernisse fragt man sich schon, warum Frauen den Schritt in die Selbstständigkeit wagen sollten. Mir fallen da direkt drei Gründe ein:
- Weil wir ihre Ideen schlicht brauchen. Wohin man hierzulande auch schaut, man sieht Baustellen, im wörtlichen, aber noch viel mehr im übertragenen Sinne. Wenn wir nicht abgehängt werden wollen, müssen wir in den kommenden Jahren sehr viele Dinge sehr schnell angehen – und werden dafür innovative Ideen benötigen.
- Weil sie auch das Recht haben, sich selbst zu verwirklichen. Ich glaube, dazu muss man gar nicht mehr sagen.
- Weil sie erfolgreich sind. Genau das ist nämlich auch eine Erkenntnis unserer Umfrage unter Steuerberatenden. Die Unternehmen ihrer Mandantinnen sind nämlich langlebiger (69 Prozent) und krisenresistenter (74 Prozent). Hier macht sich oft die gute Vorbereitung im Vorfeld der Unternehmensgründung bezahlt.
Wir alle sind dabei aber auch als Gesellschaft gefragt, die Bedingungen für Gründerinnen zu verbessern. Das heißt bessere (finanzielle) Unterstützung, mehr Netzwerke, in denen Frauen willkommen sind, niedrigschwellige Beratungsangebot, eine bessere Kinderbetreuung, aber auch Partner, die im Haushalt Aufgaben abnehmen, Schulen, die Gründertum bei Schüler und Schülerinnen gleichermaßen fördern.
Wir verschenken aktuell sehr viel Potenzial, das können wir uns allerdings schon längst nicht mehr leisten. Zeit, dass sich was ändert.
Methode:
Lexware hat in einer Online-Befragung 155 Steuerberatende aus dem lexoffice-Berater:innen-Netzwerk im Zeitraum vom 18. Dezember 2022 bis 30. Januar 2023 befragt.